Inkognito
Softcover, 329 Seiten
Inhalt
Zugegeben, Inkognito , das bemerkenswerte Erstlingswerk von Autor Stephan Rinke, ist kein Fakten-Roman, sondern Fiktion – entblößt dabei die Abgründe zeitgenössischer Gesellschaften aber so lebhaft, als könnte es ein Tatsachenbericht sein. Der Aufstieg der Populisten und Agitatoren, die Verrohung der Gesellschaft, die existenzbedrohenden Risiken von Überbevölkerung und Klimawandel, der Wunsch - nein - die Gier nach Illusionen, um der Realität zu entfliehen - Inkognito ist mehr als nur ein Buch. Es ist ein Gedankenexperiment, welches den Korrumpierenden Einfluss von Macht und Ungleichheit entblöst.
Ein fesselndes und zum Nachdenken nicht anregendes, sondern zwingendes Buch, welches die dunklen Seiten der menschlichen Natur, Moral und die Komplexität von Schuld- und Verantwortungsbewusstsein erforscht. Ethische Dilemmata, philosophische Herausforderungen, die Fehlbarkeit jedes Einzelnen und unerwartete Wendungen durchziehen dieses mitreißende Buch genauso wie der Widerspruch zwischen Macht und Moral. Mit faszinierenden Charakteren und tiefgründigen Reflexionen fordert Inkognito die Leser heraus, ihre Werte und die Welt um sie herum zu hinterfragen. Lassen Sie sich fesseln, inspirieren und von den Grenzen zwischen Gut und Böse auch lange nach der letzten Seite zum Nachdenken anregen.
Leseprobe
Spiel
Die Wärter machen sich nicht die Mühe, die beiden Gefangenen in ihren Betten zu überraschen. Nein, sie haben die Kontrolle, die Macht – und allen soll das jederzeit bewusst sein. Sie warten, bis die Insassen im Gemeinschaftsraum versammelt sind, stoßen die schwere Tür auf und genießen einen Moment lang die angsterfüllten Blicke. Groß und stämmig sind sie, mit Händen wie Schraubstöcke, wenn sie zupacken – und sie packen zu! Der eine schnappt sich den einst so stolzen Elidor, der im Laufe der Nacht all seine Zuversicht verlor, nun nur noch ein Häufen Elend ist und wimmernd auf dem Boden liegt; vom Gewicht des Wärters auf seinem Rücken fixiert. Seine Hände werden ihm zusammengebunden, ein stinkender Sack wird ihm über den Kopf gestülpt. Als der kräftige Mann Elidor hochzieht, merken die anderen Gefangenen, dass ihr Kollege, ihr Freund, am ganzen Körper zittert und sich kaum auf den Beinen halten kann. Urin befeuchtet seine Hose, rinnt an seinem Bein hinab und über die nackten Füße auf den Zellenboden. Ein erbärmlicher Anblick, doch nichts wühlt die anderen Inhaftierten so sehr auf wie das herzzerreißende Wimmern des alten, gutmütigen Mannes. Aurelio und Calvin befinden sich in Schockstarre und trauen sich nicht, auch nur zu atmen. Seneca hingegen hält es nicht mehr aus; er ballt seine Fäuste und stürmt auf den Wärter los, der Elidor gerade abführen möchte.
Dieser wird vom Angriff des etwas kleineren, aber ähnlich breiten Gefangenen überrascht. Eine Linke aufs Kinn, eine Rechte in den Magen – schon krümmt sich der Wärter am Boden. Doch Seneca kommt nicht dazu, Elidor zu befreien. Ein lähmender, unerträglicher Schmerz durchfährt plötzlich seinen Körper und lässt jeden Muskel verkrampfen. „Wir bestimmen hier die Spielregeln!“, vernimmt er Jotas jugendliche Stimme. „Dein guter Freund Elidor hat sich für eine Runde beste Unterhaltung qualifiziert – und du wirst das nicht verhindern können!“ Ohne Herr seines eigenen Körpers zu sein, versucht sich Seneca umzudrehen. Jotas Gesicht ist keinen Meter von ihm entfernt. Er sammelt seine Kräfte, sammelt seine Wut – und spuckt ihn an. Der junge Mann weicht angewidert zurück, wischt sich den übelriechenden Speichel ungeputzter Zähne von der Wange und tritt dem aufbegehrenden Gefangenen heftig in den Bauch, bevor er ihn noch einmal mit dem Elektroschocker lähmt. Er genießt seine Macht. „Schrei nur, starker Mann“, sagt Jota spöttisch. „Vielleicht bekommst du deinen Freund bald wieder. Er muss lediglich länger durchhalten als…“
Seneca hat Larion noch nie gemocht. Wenn es einen erwischen müsste, der für dieses abartige Spiel abgeholt werden sollte, dann sollten sie sich für ihn entscheiden, schon allein seiner Sonderbehandlungen wegen, die er regelmäßig erfuhr und die großen Unmut unter den anderen Gefangenen hervorrief. Außerdem weiß Seneca – oder glaubt es zumindest zu wissen – etwas über Larion, was diese Sonderbehandlung erklären könnte. Einmal hatte er sie beide beobachtet, sie und ihn, und ihre Blicke verrieten ihm mehr als Worte. Dabei war der persönliche Kontakt zwischen Gefangenen und Aufseherinnen doch streng verboten… Als die beiden Wärter nun zum einen Elidor, zum anderen Larion packten, war Seneca klar, wem er helfen würde. Trotzdem stutzte er einen Moment, als ihm die Behandlung von Larion auffiel. Eigentlich gingen sie mit ihm genauso um wie mit Elidor, aber irgendwie schienen sie bei ihm darauf bedacht zu sein, ihm nicht ernsthaft wehzutun. Außerdem zeigte er kein auch noch so unbewusstes Anzeichen der Gegenwehr, fast als wäre alles abgesprochen. Bildete er sich das etwa nur ein? Warum sollte Larion damit einverstanden sein, spielen zu müssen?
Hilflos, vor Schmerzen gekrümmt, muss Seneca mit ansehen, wie Elidor aus dem Raum gezerrt wird. Die Tür schließt sich, das Wimmern des alten Mannes verstummt.
Natürlich wissen die beiden gefesselten Gefangenen, was sie erwartet, zumindest soweit die Berichte von Überlebenden wie etwa Seneca einen Menschen auf eine solche Situation vorbereiten können. Sie werden gegeneinander antreten müssen, Mann gegen Mann, in einem verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit. Elidor hat jegliches Zeitgefühl, jeglichen Orientierungssinn verloren. Teils wird er gestoßen, teils wird er gezogen. Sehen kann er durch den Sack auf seinem Kopf nichts. Er stolpert mehr als er geht und wird dennoch immer wieder unerbittlich vorangetrieben. Irgendwann stoppt die kleine Gruppe schließlich. Das Seil um Elidors Hände wird gelöst, jemand drückt ihm eine Taschenlampe in die soeben befreite Hand. Ein metallisches Tor knarrt ohrenbetäubend laut und fällt ins Schloss. Füße setzen sich in Bewegung, Schritte entfernen sich und verstummen. Stille. Das Herz des alten Mannes schlägt ihm bis zum Hals. Eine lähmende Furcht durchzieht seinen Körper, Angstschweiß dringt ihm aus jeder Pore. Stille. Sein Atem rast und stört sich am stinkenden Stoff vor seinem Mund, seine Fäuste sind bis zum Zerbersten geballt. Stille.
Es vergehen einige Minuten, bis Elidor sich traut, den Sack von seinem Kopf zu ziehen. Als er endlich wieder frei atmen kann, sieht er – Nichts! Es ist dunkel, stockdunkel. Kein künstliches, geschweige denn natürliches Licht spendet der unvertrauten Umgebung etwas Helligkeit. Wieder verlässt ihn der Mut und bringt ihn der puren Verzweiflung und Selbstaufgabe näher. Elidor bewegt sich mit ausgestreckten Armen vorwärts in der vagen Hoffnung, zumindest auf eine Wand zu stoßen, die ihm etwas Orientierung bieten könnte. Langsam, Schritt für Schritt – wobei er die Füße nie vom Boden hebt, sondern schlurft – bewegt er sich vorwärts. In dem Moment, in dem seine Hände auf eine Wand stoßen, erinnert er sich an die Taschenlampe, die ihm in die Hand gedrückt wurde. Er braucht einen Moment, um mit seinen zitternden Händen herauszufinden, wie sie angeht. Klick! Endlich! Ein Lichtkegel erhellt die Umgebung. Ängstlich und langsam dreht Elidor sich im Kreis, leuchtet Wände, nichts als kahle Wände an, bis plötzlich ein Gesicht dicht vor ihm durch das Licht der Taschenlampe der Dunkelheit entsteigt.
Keine Zeit bleibt dem gestressten Gehirn, das bekannte Gesicht zu identifizieren. Elidor schreit aus Leibeskräften, schmeißt die Taschenlampe der Person entgegen und rennt in Panik davon. Rennt, indem er mit der linken Hand an der Wand entlang streift, so schnell wie möglich, um zu entkommen. Ein Kaninchen, das gerade die Schlange gesehen hat. Doch die Schlange hat nun zwei Augen, während das Kaninchen blind ist. „Elidor, warte!“, schreit ihm jemand nach, doch der alte Mann traut dem Rufer nicht und wittert Gefahr. Tatsächlich wittert er gar nichts, sondern handelt einfach in blinder Panik; rennt, was Beine und Lunge hergeben, jede Vorsicht vergessend durch die absolute Dunkelheit. Rennt, bis er mit voller Wucht gegen eine Mauer prallt und bewusstlos zu Boden sinkt.
Als er wieder zu sich kommt, fehlt ihm jegliche Orientierung. Panisch schreit er auf, als er seine Augen öffnet und befürchtet, erblindet zu sein, da er Nichts, rein Garnichts sieht. Dann jedoch dringt in sein Bewusstsein, dass er möglicherweise tatsächlich allein im unterirdischen Labyrinth eines Bunkersystems gefangen ist. Wahrheit oder Traum? Er verspürt starke Schmerzen in seinem Gesicht und auf seiner rechten Seite. Eine klebrige Flüssigkeit bedeckt einen großen Teil seines Kopfes. Unwillkürlich steckt er seine Zunge ein wenig heraus und leckt an seiner Oberlippe. Blut! Es schmeckt nach Blut! Er ist verletzt, weiß aber weder, was passiert ist, noch, wo er ist. Vorsichtig tastet er seinen schmerzenden Körper nach weiteren Verletzungen ab und stößt in seiner Hosentasche wieder auf einen metallischen Zylinder. Seine Finger erkunden die geriffelte Oberfläche, finden einen Knopf und betätigen ihn. Licht strahlt ihm plötzlich in die Augen und verstärkt seine Kopfschmerzen kurzzeitig noch mehr. Die Taschenlampe! Aber wer hat sie wieder in seine Hose gesteckt?
Seine Augen brauchen einige Minuten, um sich an das künstliche Licht zu gewöhnen. Elidor weiß nicht, wie es weitergehen soll, aber einfach sitzen zu bleiben scheint ihm keine Lösung zu sein. Er hat Hunger, er hat Durst, er hat Schmerzen und ihm ist kalt. Er hat keine Ahnung, wie lange er bewusstlos auf dem Boden lag. Nur langsam sickert in sein Gedächtnis, warum er eigentlich hier ist. Das Spiel! Das verdammte Spiel! Wo ist Larion? Haben sie ihn vielleicht schon gefunden? Habe ich einfach Glück gehabt? Er versucht, sich an irgendwelchen Geräuschen zu orientieren, doch bis auf ein undefinierbares Rauschen ist es genauso still wie dunkel. Langsam setzt er sich in Bewegung und zuckt immer wieder ängstlich zusammen, wenn er meint, etwas zu hören oder zu sehen.
Stundenlang schleicht Elidor vorwärts, biegt mal links, mal rechts ab – ohne ersichtlichen Erfolg. Jede Tracht Prügel, jede Erniedrigung würde er dieser Tortur vorziehen, denn nicht zu wissen, was kommt, ist die größtmögliche Belastung für den menschlichen Geist, wenn man befürchtet, dass hinter jeder Ecke der Tod lauert. Schläge und Erniedrigungen sind schlimm – aber zumindest kann man sich darauf einstellen. Entkräftet, entmutigt schleppt er sich weiter. Er weiß nicht warum, aber plötzlich kommt ihm Sindbad der Seefahrer aus der Sammlung Geschichten aus Tausend und einer Nacht in den Sinn. Immer wieder geriet dieser in schier ausweglose Situationen, sein Tod schien mehrfach besiegelt. Und doch gab der Abenteurer nie auf und fand wie auf wundersame Weise immer wieder einen Ausweg. Was Elidor allerdings nie verstand war, warum Sindbad nach überstandenen Todesängsten immer wieder auf Reise ging und sich erneut beinahe ins Verderben stürzte. Nun sind die Geschichten aus Tausend und einer Nacht natürlich nicht historisch akkurater als die Geschichten und Märchen der Gebrüder Grimm in Europa. Doch liegt nicht in jedem Märchen ein Fünkchen Wahrheit?
Elidor klammert sich an diese verzweifelte Hoffnung, denn ohne Hoffnung könnte er sich gleich auf den kalten Boden legen und sterben, erfrieren oder verdursten. Elidor hofft, Elidor zittert, Elidor wankt – und hört endlich ein Geräusch. Er stoppt, schaltet die Taschenlampe aus und lauscht aufmerksam. Schritte! Das sind Schritte! Soll er es wagen und auf sie zugehen? Vielleicht haben sie Larion ja schon gefunden… Doch selbst wenn nicht, hat er denn eine Wahl? Kann sein dehydrierter und unterkühlter Körper denn noch länger aushalten?
‚Nein! Ich werde mich so teuer wie möglich verkaufen, ihr Bestien‘, durchläuft ihn plötzlich ein Schwall von trotzigem Lebensmut. Er schaltet die Taschenlampe wieder ein und beginnt in die entgegengesetzte Richtung zu laufen, aus der er die Schritte zu hören glaubt. Sein schmerzendes rechtes Bein behindert ihn aber stark, seine Augen sind seit dem Aufprall geschwollen, seine Nase gebrochen. Trotzdem rennt er. Rennt so schnell, wie es sein ausgemergelter Körper noch zulässt. Rennt mit dem Mute der Verzweiflung.
Rennt seinen Häschern genau in die Arme.
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